Wenn Eltern streiten, sind Kinder einsam...

Streitkultur

Gerade in Zeiten von Corona kann in Familien vermehrt Spannung entstehen: Viel Zeit auf engem Raum, Home-Scooling, finanzielle Unsicherheit. Innerer Stress wird zum Nährboden für Konflikte.

Wenn Eltern streiten, tun sie das natürlich nicht in der Absicht, ihre Kinder bewusst zu belasten. Und doc


h gibt es wenig in der Entwicklung eines Kindes, das es so stark verunsichert wie tiefgehende und langanhaltende Spannungen zwischen den Eltern. Das bedeutet nicht, dass Eltern Konflikte vermeiden oder verdrängen sollten, um ihre Kinder davor zu bewahren. Kinder müssen lernen, dass Konflikte zum Leben gehören. Hilfreich ist, wenn sie lernen, wie man konstruktiv damit umgeht: z.B.

- dass es in Ordnung ist, wenn Menschen verschiedene Ansichten und Bedürfnisse haben

- dass es gut ist, wenn man gemeinsame Regeln für Kommunikation hat

- dass ohne beiderseitige Kompromissbereitschaft meist keine versöhnliche Lösung zu erreichen ist

Wenn Kinder eine „Streitkultur“ lernen, bei der gegenseitiger Respekt – trotz aller Meinungsverschiedenheiten - nicht verloren geht, können sie sogar gestärkt daraus hervorgehen.



Existentielle Bedrohung

Ganz anders sieht es aus, wenn die Spannungen zwischen den Eltern so tief gehen, dass gegenseitige Achtung und Wertschätzung auf der Strecke bleiben – wenn es nicht mehr um das sachliche Thema eines Streits geht. Dann werden die Angriffe persönlich, werten den Menschen in seinem Sein ab („Du bist doch zu blöd, um…“).

Auf Attacken folgt Gegenangriff oder Rückzug. Beides fördert eine Abwärtsspirale, deren Leidtragende die Kinder sind und an deren Ende eine Trennung oft unvermeidlich erscheint.

Die Streitenden sind so von ihrem Konflikt vereinnahmt – von ihrem Rechthabenwollen, Nicht-Verstanden-Werden, Vorwürfen, Schuldgefühlen und Verletzungen – dass sie ihre Kinder dabei aus den Augen verlieren und ihrer gemeinsamen Verantwortung nicht mehr gerecht werden (können).

Kinder brauchen im Grunde nicht viel. Das Wichtigste ist ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Wenn Kinder befürchten müssen, dass sich Mama und Papa trennen, dann wird es aus Kindersicht existentiell bedrohlich.



Paar-Beziehung – Eltern-Beziehung

Um Kinder vor den Spannungen der Erwachsenen zu schützen ist zuerst ein innerer Bewusstseins-Schritt wichtig: Die mentale und emotionale Trennung von Paar-Beziehung und Eltern-Beziehung.

Die Ursachen von Spannungen, die zu Streitigkeiten führen, liegen in aller Regel in der Beziehung des Paares, also zwischen Mann und Frau – und eben nicht zwischen Mama und Papa. Der Fokus von Mann und Frau geht zueinander, der Fokus in ihrer Rolle als Eltern liegt auf ihrer gemeinsamen Verantwortung für das Kind.

Die Paar-Beziehung war vorher da. Entsteht daraus ein Kind, kommt eine Eltern-Beziehung dazu. Sie ersetzt die Paar-Beziehung nicht, sondern sie erweitert sie.

Dieses Bewusstsein ist der erste Schlüssel dafür, die Konflikte der Paarbeziehung auch dort zu lassen und zu lösen – zwischen Mann und Frau.


„Die Großen geben, die Kleinen nehmen“

Eltern sind verantwortlich für ihre Kinder. Und die Verantwortung ist klar definiert: Eltern geben, Kinder nehmen – so ist die Natur und wir sind Teil davon.

Natürlich kann es schwierig sein, wenn dem Paar die eigene Stabilität fehlt. Der Job ist vielleicht unsicher, das Geld ist knapp. Umso


wichtiger sind der Zusammenhalt und die Bereitschaft, Probleme gemeinsam auf der Partnerschafts-Ebene zu lösen und den Kindern Druck zu nehmen.

Anstatt die Kinder hinein-zuziehen, könnte das Paar andere Menschen hinzu-ziehen. Nämlich andere erwachsene Menschen, die bei ihrem Konflikt hilfreich unterstützend sein können. Gute Freunde oder auch professionelle Unterstützung in Form eines Coachings oder einer Paarberatung können helfen, Druck und Stress abzubauen und Lösungen zu finden.


Wenn Trennung nicht vermeidbar ist

Trennungen sind für Kinder in gewisser Weise immer traumatisch. Noch traumatischer wird es, wenn Paare „wegen der Kinder“ zusammenbleiben, obwohl sie ihre Konflikte nicht lösen (können). Sie zwingen die Kinder damit, oft jahrelang in schweren Spannungsfeldern leben zu müssen.

Kinder sind Opfer der Umstände – je nach Alter mehr oder weniger. Sie können ihre Lebenssituation nicht selbst verändern. Diese Kraft der Bestimmung steht erst dem Erwachsenen zur Verfügung.

Trennungen sind auch für das Paar in der Regel schmerzlich – vor allem, wenn die Entscheidung nicht einvernehmlich getroffen wird, sondern einer vom anderen verlassen wird. Der Verlassene fühlt sich oft als Opfer und das Risiko wächst, dass damit die Kinder in die Paar-Ebene hineingezogen werden. Manchmal erwartet der verlassene Elternteil, vom Kind getröstet zu werden, da der/die andere „der/die Böse“ ist. Aber auch Kinder tendieren dazu, sich auf die Seite des Verlassenen zu stellen.

Dem Verlassenen tut das vordergründig gut in seinem Schmerz, doch er sollte sich bewusst sein, dass hier Missbrauch stattfindet. Der „Große“ holt sich Trost vom „Kleinen“. Emotionaler Missbrauch ist scheinbar nicht so offensichtlich wie körperlicher oder sexueller Missbrauch. Doch auch er verletzt das Kind in der Tiefe.


Eltern sollten sich bewusst sein, dass das Kind beide liebt. Es besteht zur Hälfte aus Mutter und zur Hälfte aus Vater und ist verbunden in einer – oft auch unbewussten - Liebe zu beiden. Der tiefe Dank für das eigene Leben. Wenn der Vater schlecht über die Mutter spricht, verletzt das den Teil des Kindes, das mit seiner Mutter verbunden ist – und umgekehrt.


Lösungs-(An-)Sätze

So wichtig es für das Paar ist, zwischen Paar-Beziehung und Eltern-Beziehung zu unterscheiden, so wichtig ist es auch für das Kind. Wenn eine Trennung stattfindet, dann trennen sich Mann und Frau, nicht Mama und Papa.

Sehr hilfreich und heilsam ist es, schon in der Sprache darauf zu achten. Zum Beispiel: Der Mann trennt sich von der Frau. Aus der Sicht der Frau müsste es in Wirklichkeit heißen: „Mein Mann hat mich verlassen.“ Und nicht: „Der Papa hat uns verlassen.“

In der Sprache klar zu sein ist ein erster Schritt. Noch viel wichtiger ist es, dass die innere Haltung dem Gesagten entspricht. Dass der Verlassene es so fühlen kann, dass es eine Angelegenheit auf der Partnerschafts-Ebene ist - auch wenn es vermutlich Auswirkungen auf die Familie haben wird. Das hilft, die Kinder zu entlasten.


In der Systemischen Aufstellungsarbeit arbeiten wir mit „Lösungs-Sätzen“.

Hier sind ein paar mögliche Lösungssätze, die persönlich ausgesprochen werden können oder auch nur im Geiste. Wesentlich ist die innere Haltung:


Partner zueinander:

- „Ich übernehme die volle Verantwortung für das, was ich getan habe und für das, was ich nicht getan habe.“


Eltern zum Kind:

- „Du darfst die Mama als Mama und den Papa als Papa behalten."

- "Du musst dich nicht entscheiden.“

- „Dass wir uns als Mann und Frau trennen, hat nichts mit dir zu tun.“


Lösungssätze aus Sicht des Kindes:

„Mama, ich mute dir zu, dass es mir mit Papa gut geht. Papa, ich mute dir zu, dass es mir mit Mama gut geht. Das, was zwischen euch als Mann und Frau ist, lasse ich bei euch.


Ein Aufruf an Eltern!

Sei nicht passiv und lass es geschehen, wenn Konflikte deine Partnerschaft bedrohen. Übernimm die Verantwortung für deinen Anteil daran. Es ist selten einer alleine schuld – beide haben ihren Anteil an den Konflikten

Wer sicher nicht dafür verantwortlich ist, sind die Kinder. Sie triggern ein Thema vielleicht an, aber sie sind nie die Verursacher.

Schau auf deine Kinder und tue aktiv etwas, damit sie frei sein können.

Die Natur schaut immer auf die Nachfahren.

Damit es gut weiter gehen kann…




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